Vita

Jean Luc, 1946 in der Schweiz geboren, lebt seit 1978 in Deutschland. Lehrer, Leiter eines Friedens- und Entwicklungsdienstes im Rheinland, Mitarbeiter der Braunschweiger AIDS-Hilfe, teilt er heute seine Zeit zwischen seiner künstlerischen Tätigkeit und seinem ehrenamtlichen Engagement.

Gelegentliche Collagen fanden sehr früh Anerkennung. Systematisch widmete er sich seinen Arbeiten jedoch seit 1987.

Als junger Mann wurde Jean Luc von den Arbeiten der Surrealisten fasziniert. Sie sprengten buchstäblich vor seinen Augen die Enge der Arbeiterwelt der Uhrenindustrie von seinem heimatlichen Schweizer Jura. Zuerst durch Literatur und dann die bildende Kunst schuf er seine eigene Welt, die die Realität verrätselt und eine neue Wirklichkeit von großer Plastizität eröffnet. Dort lädt er den Zuschauern einzudringen und neue spannende Räume zu entdecken.

Collagen ausschließlich aus Ausschnitten fotografischer Abbildungen benützt Jean Luc mit geschickten Können und sicherem Formgefühl. Digitale Verarbeitung seiner Werke erlaubt ihm in eine weitere Dimension der Verfremdung vorzustoßen.


Am Anfang war die Familie

Jean Luc über Kultur, Politik und Lebensart

Es ist erstaunlich, wie sich Kunst in ein Leben einschleicht. Es gibt Menschen, die mit Literatur, Musik oder in der Mitte von Bildern groß werden. Bei uns gab es kein Radio, mein Vater spielte im Posaunenchor, wir lasen Heimatgeschichten. Um Kindersendungen auf dem schwarz-weiß Fernseher zu sehen, ging ich zu den Nachbarn. Nicht dass wir kulturlos gewesen wären, es war nur eine ganz besondere Kultur, geprägt von meiner protestantischen sozial engagierten Arbeiterfamilie, vom rauen Klima meiner Kleinstadt auf 1000 Metern über dem Meeresniveau, von der zwanghaften Präzisionstradition der Uhrmacher, abgesondert in den engen Tälern des Neuenburger Juras.

Man kann sich den Durst eines Heranwachsenden vorstellen, der zur ersten Generation in der Großfamilie gehörte, die studieren durfte. Diese Sehnsucht nach der großen Kultur, nach den erweiterten Horizonten wurde durch die tiefe Befürchtung genährt, anders zu sein und Männer zu lieben.


Die Kuh auf dem Dach

Jean Luc über Marc Chagall, Kühe und Albert Schweitzer

Soll ich von meinem neugierigen Entsetzen erzählen, während des Besuchs einer Ausstellung der graphischen Werke von Marc Chagall in unserer Stadt? Von meinem Unverständnis dafür, dass man Kühe auf Dächern zeichnen und damit sogar berühmt werden konnte? Soll ich von allen wichtigen Büchern der französischen Literatur sprechen, die ich verschlang? Soll ich von meiner Begeisterung für die Surrealisten, Dichter und Maler berichten? Oder reicht es zu wissen, dass Albert Schweitzer seit meiner frühen Kindheit Vorbild für mich war, der Theologe, der Philosoph, der Musiker, der Arzt, der alles verließ, um in Lambarene (Gabon) zu arbeiten? Mit ihm kommt man zu dem Verständnis, dass Kultur, Politik und Lebensart eine Einheit bilden. Wir begreifen, dass meine Collagen ihre tiefen Wurzeln in mein Leben schlagen. Wenn ich die weiße Vorlage vorbereite, die bald von Fotofetzen bedeckt sein wird, die sich langsam zu einem einheitlichen Bild zusammenfügen, dann mobilisiere ich meine Kräfte und spüre, wie mein Leben in der Kunst Form annimmt.


Engagement versus Kunst

Jean Luc über Reisen, Engagement und Aids

Jeder von uns ist ein Künstler. Wer dran zweifelt, klammert einen Teil von sich aus. Lange habe ich selber mit mir gerungen. Mein Engagement auf der Spur Albert Schweitzer war mir zuerst viel notwendiger als die Kunst , viel essentieller im Angesicht der großen Ungerechtigkeiten zwischen Zentren und Peripherien. Aus meinem Hobby in der Schweiz wurde mein Beruf in Deutschland: Entwicklungspolitik, Gewaltfreiheit, Friedensengagement, Spiritualität füllten meine Tage und die Kunst blieb unterschwellig. Ich reiste viel, organisierte noch mehr, ging auf Demonstrationen und wurde Vorbild für viele Freiwillige, die einen Friedensdienst im Ausland mit EIRENE leisteten. Mein Lebensart entfaltete sich zwischen einem einfachen Lebensstil, einem späten Coming-out, einer persönlicher Konfrontation mit Aids, der Suche nach meiner psychischen Stabilität und der Herausforderung, eine Partnerschaft aufzubauen.